| Ich habe The Rosetta Stone
während der Entwicklungsphase untersucht. Es handelt sich um ein visuell ansprechendes,
linguistisch umfassendes und pädagogisch sinnvolles Programm. Es ist ein ausgezeichnetes
Medium für einen umfassenden Ansatz des Fremdsprachenlernens. Das Programm stellt
Schülern und Studenten verschiedene Werkzeuge sowohl für den individuellen als auch für
den kooperativen Spracherwerb zur Verfügung. Das Programm simuliert genau den Prozeß,
den Sprachschüler bewältigen, wenn sie Entscheidungen und Unterscheidungen in einer
natürlichen Fremdsprachenumgebung treffen müssen. Dabei kompensiert es die Schwächen,
die ein Sprachlernprozeß in einer völlig natürlichen und undifferenzierten Umgebung
beinhaltet, wenn keine Schwerpunkte gesetzt werden, und Rückmeldung und konkrete
Lernhilfen fehlen. Einer der Kritikpunkte des
natürlichen Spracherwerbs ist die weitgehend unregulierte Sprachaufnahme (z.B. bei einer
Konversation auf der Straße), die eine nur unzureichende Möglichkeit für ein
systematisches Lernen zuläßt.
In diesem Zusammenhang gibt The Rosetta Stone dem
Lernenden den notwendigen Hintergrund für ein umfassendes und systematisches Verständnis
durch ein reichhaltiges semantisches Feld (hunderte von echten Alltagssituationen) und die
Stimmen von Muttersprachlern. Viel wichtiger noch ist die Tatsache, daß dieses Programm
genau das Problem beseitigt, das beim natürlichen Spracherwerb immer wieder auftritt: Die
Bereitstellung von strukturierten Redemitteln, die sich nur auf das konzentrieren, was
semantisch wichtig ist, um von Beginn an wesentliche Unterscheidungen in einer Sprache zu
illustrieren.
Die Syntax ist eine Verständnissyntax, die solche
semantischen Unterscheidungen fordert, die von Sprachschüler in einer natürlichen
Sprachumgebung verlangt werden: Die Syntax basiert auf Inhalten, mit denen Sprachschüler
auch in der Praxis konfrontiert werden, und nicht auf einem linguistischen Fundus von
morphologischen Variationen und seltenen grammatikalischen Phänomenen.
Das Programm präsentiert elementare Worte zuerst: Mädchen,
Junge, Stuhl, Katze, Hund, blau, grün, rot und schwarz; wie es auch im Anfangsstadium des
Fremdsprachenerwerbs notwendigerweise erwartet wird. Der Wortschatz ist sehr umfassend und
stellt eine stabile Basis für alle Lebensbereiche dar. Die Auswahl des Sprachmaterials
wurde sehr sorgfältig abgestimmt und erscheint dem Lernenden sehr natürlich. Es wird
immer nur eine semantische Unterscheidung gleichzeitig eingeführt und jede neue
Redewendung ist vollständig kontextualisiert, sowohl kulturell als auch linguistisch.
Farbige Photos werden zusammen mit gesprochener oder geschriebener Sprache präsentiert.
Die Darstellung von Unterschieden ist vorhersehbar und kulturell angemessen. Der
Kursaufbau ermöglicht außerdem einen Ausbau des bereits vorgestellten Materials. Auf
diese Weise wird das alte Material immer wieder benutzt, während gleichzeitig ein
linguistischer Kontext für neue Erkenntnisse zur Verfügung gestellt wird.
Das Programm funktioniert ausschließlich in der Zielsprache
und verzichtet vollständig auf die Muttersprache des Lernenden. Programmanweisungen
erscheinen auf dem Bildschirm als visuelle Symbole und nonverbale Erklärungen.
Das visuelle Material ist ansprechend und authentisch.
Lernende jeden Alters können sich leicht mit den vorgestellten Menschen und Situationen
identifizieren. Die Zusammensetzung des Bildmaterials ist sehr einfallsreich, oft ein
wenig humorvoll und immer menschlich durchdacht. The Rosetta Stone ist auch deshalb
sehr leicht zu benutzen, weil es einfach Spaß macht, mit Tausenden von sinnvoll
angeordneten und wohldurchdachten Abbildungen zu arbeiten. Der Aufforderungscharakter des
Mediums sorgt außerdem für eine überdurchschnittliche Motivation.
Der reichhaltige linguistische und visuelle Kontext des
Programms und sein sorgfältig abgestufter und integrierter Lehrplan erlauben dem Benutzer
ein sehr schnelles Erkennen von semantischen und syntaktischen Unterscheidungen. Das
Sprachmaterial wird gleichzeitig in bis zu drei verschiedenen Formen präsentiert:
Visuelle Abbildungen sowie gesprochene und/oder geschriebene Sprache. Auf diese Weise
können Anwender mehrdimensional mit zwölf verschiedenen Übungsformen arbeiten. Es gibt
keinen einzigen Punkt in dem Programm, an dem der Benutzer mit semantischen
Unterscheidungen konfrontiert wird, die er vorher nicht gelernt hat. Der Lernende selbst
kontrolliert den Umfang von Lernhilfen und kann jederzeit eine der 12 Übungsformen gegen
eine andere austauschen. Ständig müssen Entscheidungen getroffen werden, aber keine
Aufgabe ist so schwierig, daß ihre Lösung nicht über eine vorhergehende Übung
erschlossen, überprüft oder erinnert werden kann.
Das Programm imitiert die Strategien, die bei guten
Sprachlernenden in natürlichen Umgebungen beobachtet wurden. Schritt für Schritt nach
bestimmten Dingen fragen und seine Sprache entsprechend anzupassen, ist eine natürliche
Strategie für erfolgreiches Fremdsprachenlernen.
In diesem Programm wird der Lernende aufgefordert, eine
Abbildung und deren sprachliche Bedeutung zu erkennen. The Rosetta Stone erlaubt
verschiedene Reaktionsmöglichkeiten: Das Wort kann wiederholt werden oder die
Schreibweise kann zur Unterstützung herangezogen werden (wenn man die Schreibweise
erlernt, kann das gesprochene Wort unterstützen), oder man verläßt das Programm und
greift zum Lexikon, um die Bedeutung des Wortes nachzuschlagen, bevor man antwortet.
Wenn auf dem Bildschirm lediglich eine Abbildung mit vier
verschiedenen Bedeutungen erscheint, kann der Anwender die Reihenfolge der Möglichkeiten
selbst bestimmen, er kann alle vier Wörter gleichzeitig oder nacheinander wählen
(jeweils mit unendlich vielen Wiederholungen) und, bevor er seine endgültige Entscheidung
trifft, auf diese Weise Bedeutungen ausschließen, von denen er weiß, daß sie nicht
passen. Diese Art von Klärung und Bestätigung ist exakt die Strategie, die ein Lernender
in einer natürlichen Umgebung anwenden würde, vorausgesetzt er hat die Zeit und die
notwendigen Hilfsmittel. Es sei denn, jemand verfährt nach dem Motto "Versuch und
Irrtum" und hofft darauf, jedesmal korrigiert zu werden. In diesem Programm wird der
Lernende im Gegensatz zu einer natürlichen Umgebung sofort korrigiert.
The Rosetta Stone reproduziert also natürliches
Fremdsprachenlernen in einer kontrollierten Umgebung: Die Bedeutung ist immer abrufbar,
Sprache ist sehr genau abgestimmt und der Druck der verbalen Artikulation, wie etwa in
einem Klassenraum, ist genommen. Die ständige Aufforderung nach Unterscheidungen bleibt
aber intakt. Der Wunsch "Bitte Wiederholen" ist dauernd verfügbar und
Rückmeldungen auf die Entdeckungen und Entscheidungen des Lernenden sind unmittelbar,
sanft und vergebend. Die Bewertung einer Lernleistung nach Punkten kann abgeschaltet
werden. Der Benutzer kontrolliert jeden Lernschritt und lernt nach seinem eigenen Tempo.
Forschungsergebnisse, mit denen Sprachwissenschaftler
vertraut sind (Terrell 1977 und Winitz 1981) haben ergeben, daß gründliche und
umfassende Konfrontation mit leicht verständlicher Sprache sowohl die Entwicklung von
Sprechen, Schreiben und Lesen als auch das Hörverstehen erleichtern. The Rosetta
Stone ist zunächst auf das Hörverstehen ausgelegt, erlaubt aber auch ein
mehrdimensionalen Ansatz des Fremdsprachenlernens, der für eine Entwicklung zur
fließenden Beherrschung einer neuen Sprache als sehr bedeutsam angesehen wird (siehe
Swain, 1985). Das Sprachmaterial und die zwölf verschiedenen Übungsformen fördern die
Entwicklung von individuellen Sprachfähigkeiten und fertigkeiten. Das Programm
ermöglicht außerdem eigene Sprachaufnahmen, die den Lernenden zu eigener
Sprachproduktion ermutigen.
The Rosetta Stone integriert die Technologie in die
Bedürfnisse des Fremdsprachenlernen und nicht umgekehrt. Mit diesem Programm steht
Sprachlehrern nun eine Methode zur Verfügung, die das Lernen einer Fremdsprache
tatsächlich unterstützt. Anwender müssen keine Zeit mit einem Programm vergeuden, das
lediglich einige sparsame Redewendungen vermittelt und dann möglicherweise auch noch Teil
eines Computerspiels ist.
Dieses Programm ist außerdem ein exzellentes Hilfsmittel
für die Sprachforschung. Lernstrategien, Anzahl von Wiederholungen, Häufigkeit von
verschiedenen Übungsformen und Transferleistungen können mit diesem Programm sehr leicht
erfaßt und ausgewertet werden.
Ich empfehle die Sprachbibliothek The Rosetta Stone der
Firma Fairfield Language Technologies und freue mich darauf, die Weiterentwicklung des
Programms zu besprechen.
Dr Nancy Hottel-Burkhart lehrt und forscht an der University
of Texas im Fachgebiet für angewandte Lingusitik und Fremdsprachen. Zudem hat sie einen
Lehrauftrag für Methodik und Psychologie des Fremdspachenlernens im Bereich Englisch als
Fremdsprache an der Amerikanischen Universität in Kairo. |